Peter Heinrichs Night & Day No. 3

Lest ihr gerne beim Rauchen? Ich lese eigentlich immer, wenn ich eine Pfeife rauche. Also eigentlich immer, wenn ich alleine bin. Das Pfeife rauchen und das Lesen scheinen für mich zwei Kinder aus dem Schoss der selben Mutter zu sein. 

Und damit bin ich nicht allein. Es gibt etymologische Hinweise darauf, dass das Lese-Rauchen eine lange Tradition hat. So betrachten wir das Wort für ein dickes Buch. Das nennen wir heute Schinken oder auch Schmöker. Und wenn man genussvoll ließt, dann schmökert man. 

Auf den zweiten Blick wird klar, dass sich im Wort "schmökern" etwas rauchiges verbirgt. Die BBQ-Freunde unter uns werden es vielleicht am ehesten merken, dass das Wort sehr ähnlich dem "Smokern" klingt, was ein neues Wort für die Zubereitung von Fleisch auf einem Räuchergrill ist.  

Tatsächlich gibt es verschiedene Quellen, auf die man in der Frage des Schmökern zurückgreifen kann. Im Grimm'schen Wörterbuch wird gesagt, dass das Wort aus der studentischen Sprache stamme und abwertend für minderwertige Bücher stehe. Dies sei eine Übertragung der niederdeutschen Bezeichnung eines Tabakrauchers auf das Buch. Nun, das ist aber doch mal interessant. Das Wort für einen Tabakraucher wird das Wort für ein Buch. Vielleicht spielt der Schinken hier wieder eine Rolle? Dieser wird doch nunmal auch gerne geräuchert.

Das Wiktionary gibt uns noch einen anderen Anahaltspunkt und sagt: "Nach einem anderen Deutungsversuch bezieht sich das Wort auf die Blätter eines Buches, die als Fidibus dienend herausgerissen wurden, um seine Pfeife zu rauchen." 

Hier wird auch klar, warum es sich um ein minderwertiges Buch handeln muss. Wer würde schon Seiten aus einem guten Buch rausreißen? Das minderwertige Buch muss nicht gelesen werden, also kann es zerstört werden. 

Dass explizit das Pfeiferauchen und lesen in einem solchen Kontext stehen, dass ist für mich extrem spanennd. Ich glaube tatsächlich, dass die beiden Tätigkeiten eine gemeinsame Komponente haben. 

Zwar kann man durchaus in gesellschaft Rauchen, dennoch habe ich das Gefühl, das der Pfeifenraucher meist eher die "solitude" (positive Einsamkeit) bevorzugt. Ebenso der Leser, den die Gesellschft im Genuss seines Buches nur stören würde. Und der Genuss ist ein gutes Stichwort. Sowohl das Genusslesen wie auch das Pfeiferauchen transzendieren ihren "Zweck". Das Genusslesen dient nicht der Informationsaufnahme. Und das Pfeiferauchen dient nicht nur dem Nikotinfix. Die beiden Tätigkeiten sind zweckungebunden. Als letztes fällt mir noch die Tendenz ein, sich selbst in der Tätigkeit zu verlieren. Wenn man ein gutes Buch ließt, dann vergisst man die Außenwelt. Man schottet sich ab. Ebenso kann es einen mit der Pfeife ergehen, wo man plötzlich in Gedanken versinkt und genüsslich dahin pafft, ohne noch die Absurdität der Welt wahrzunehmen.

Diese Interpretation ist natürlich sehr subjektiv. Und bis auf meine introspektive Wahrnehmung habe ich keinerlei Belege dafür, dass nur ein Funken Wahrheit darin steckt. Ebenso subjektiv ist meine Einschätzung, dass zum lesen besonders gut Latakia-lastige Tabake passen.

Dafür habe ich zumindest einen Hauch einer Begründung. Beim nachlässigen "Nebenherrauchen" widmet man sich vielleicht nicht mit voller Genauigzeit seinem Tabak. Ich will nicht sagen, dass man nachlässig ist, aber vielleicht doch. Englische- oder Balkan-Tabake liefern auch in diesen Fällen noch immer viel Aroma und sind lecker. Aromaten verlieren ihr Aroma schnell und neigen dazu bitter zu werden. (An dieser Stelle mag ich erwähnen, dass sich Lesepfeifen überhaupt nicht zum Lesen und Rauchen eignen.)

Deshalb ist der Peter Heinrichs Night & Day 3 ein perfekter Lesertabak für mich. Hier haben wir einen Tabak mit 40% Latakia aus Cypern. 10% Kentucky. Orient, Virginia und etwas Perique. Der Nase her würde ich diesen Tabak den Balkan Blends zuordnen. Der Orient spielt schon einige gewichtige Rolle, alleine schon beim Duft aus der Dose. Dazu die typisch torfig-rauchige Note, die mich an Islay Single Malt erinnert.

Diese wiederum deutet uns schon beim öffnen, woher der Tabak kommt. Denn auf dem Inlay strahlt die Kompassrosen von Dan Tobacco. Das ist gut. Die Leute wissen, was sie tun. 


Es mag zunächst homogen wirken, aber bei genauerer Betrachtung wird klar, dass das Tabakbild durachaus nuanciert ist. Man kann die einzelnen Bestandteile gut wahrnehmen. Die Virginias neigen zu etwas Rotstichigkeit. Der Latakia ist fast schwarz. Und die anderen Tabake spielen in braunen Variationen dazwischen. Dabei war der Tabak vorzüglich konditioniert und konnte direkt aus der Dose geraucht werden.

Auf den ersten Zügen offenbarte der Tabak seine rauchige Seele. Viel Würze. Genauer gesagt Gewürze. Cumin, Koriander. Das kommt von den Orienttabaken. Dann Latakia. Nicht so viel Weihrauch, eher Lagerfeuer. Das ganze wird unterstützt durch den Kentucky, ohne dabei zu sehr in die speckige Richtung zu kippen. Die Orients liefern eine wunderbare Würze, die mich an Piment erinnert. Der Perique ist kaum merklich, hebt den Tabak insgesamt in Kraft. Das hier ist keinesfalls ein leichtgewicht...was die Aromen angeht.

Der Rauch ist im Mund hat viel Textur und ist wunderbar samtig. Vielleicht ist den einen oder anderen aufgefallen, dass ich eine Tabaksorte bisher nicht erwähnt habe. Die Virginias. Diese sind aromentechnisch weniger relevant, geben aber eine wunderbar sublime Süße, die mit der Textur des Rauchs wunderbar harmoniert. 


Nach einer halben Füllung mag man sich fragen, wo die Reise hingeht. Ob man das folgende nun positiv oder negativ bewertet, das überlasse ich dem Leser. Denn der Tabak ist eine Bank. Extrem konstant. Von Anfang bis Ende. Unkompliziert. Solide. 

Insgesamt erinnert mich der Tabak ein die Werke von Yves Klein. Geradeaus, kein Tamtam. So das Gegenteil von Jackson Pollock. Und woran erinnert mich der Tabak noch? Mit seiner Zusammensetzung aus Virginia Grades, viel Orientblattgut, etwa 10% Dark Fired Kentucky, gut 40% Latakia und eine gute Prise Louisana Perique, da erinnert mich dieser Tabak tatsächlich an den Bill Bailey Balkan Blend.


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