Cameronbridge 25yo by Whic

Den Jahresauftakt macht bei mir der Cameronbridge 25 Jahre aus dem Sherryfass mit 57,6%, der mir freundlicherweise von Whic zur Verfügung gestellt wurde. 

Ein 25 Jahre alter, im Sherryfass gelagerter, fassstarker Whisky für knappe 100 €? Das geht heute noch? Ja. Es gibt jedoch ein aber...

Dieses "Aber" nennt sich: Grain. Es handelt sich bei Cameronbridge um einen Single Grain Whisky. Was ist Single Grain Whisky? Das "Single", wie bei "Single Malt" besagt, dass der Whisky aus einer Brennerei kommt. Grain bedeutet soviel wie Korn. Der Whisky wird also nicht aus gemalzter Gerste, sondern aus anderem Getreide gebrannt. In der Regel Weizen oder Mais.

Was bedeutet das für den Whisky? Naja, das hat einige Auswirkungen. Die Verwendung von gemälzter Gerste hat massiven Einfluss aus den Geschmack der Whisky. Single Grain schmeckt anders. Je nach Rohstoff kann der Grain Whisky sehr mild sein. Oder sehr süß. Zusätzlich entwickelt Mais die typische Nase nach Lösemittel, die wir zum Beispiel vom Bourbon kennen. Das ist mit unter sehr unangenehm. Der Whisky muss lange lagern, um diese unangenehmen Aromen zu verlieren.

Ein Vorteil ist jedoch, dass der Grain Whisky deutlich günstiger in der Produktion ist. Stellen wir uns mal einen 25yo Single Malt aus einem kräftigen (first fill?) Sherryfass vor. Je nach Name ist man da gerne mal paar Hundert oder Tausend Euro los. Single Grains sind deutlich günstiger. Wenn ihr also mal vorhabt jemandem zum 30/40/50. Geburtstag einen gleichaltrigen Whisky zu schenken, dann lohnt ein Blick in Richtung der Single Grains durchaus. 

Kommen wir zu Cameronbridge. Die Brennerei gehört zum Konzern Diageo. Gegründet wurde Cameronbridge 1824 von John Haig (dessen Namen wir vom Haig Club kennen, was ein Cameronbridge ist) und ist somit die älteste Grain Destille in Schottland. Wer jetzt aber ins schwärmen gerät und an feine Pagodendächer denkt, der ist falsch gewickelt. Die Destille ist ein Industriekomplex mit 30.000.000 Liter Output im Jahr. Klingt absurd? Es gilt zu Bedenken, dass das meiste davon in Blended Whisky fließt. Auch wenn man leicht denken könnte, dass Single Malt beim Whisky König ist, so sprechen die Fakten eine andere Sprache. Blended Scotch Whisky spielt weltweit noch immer die erste Geige, da rund 80% des Scotchmarkts Blended Scotch sind. Und so ein Blend besteht aus gerne mal über 90% Grain. Zudem werden bei Cameronbridge auch Gordon’s GinTanqueray Gin und Smirnoff Vodka hergestellt. Vermutlich hattet ihr selbst schon mal was aus der Brennerei im Glas. Meint man gar nicht.

Kommen wir zum Whisky. Es ist mein erster Single Grain von Cameronbridge. Jedoch nicht mein erster Single Grain überhaupt. Just letzte Woche hatte ich einen 10 Jahre alten Strathclyde im Glass. Ebenfalls Sherry. Und der war bombastisch. Was erwarte ich also von dem Whisky? Ich will auf keinen Fall die Eddingkeule schwingen. Lösemittelnoten? Nicht meins. Ein anderes No-Go wäre Schwefel aus dem Sherryfass. Belassen wir es erstmal dabei und probieren.

Auge: Die Farbe ist tief und intensiv. Wie der Kuss einer lange verschollenen geglaubten Liebe. Mahagoni an altem Kupfer. Die Legs sind langsam und belegen ölig das Glas.

Nase: Frisch eingeschenkt ist der Whisky wild. Und auch mit einigen Nuancen Lösemittel. Gebt ihm paar Minuten um sich zu beruhigen. Dann erwartet euch ein Festakt. Auftakt sehr fett und fruchtig. Richtige Sherryfracht. Rumrosienen, Datteln und Feigen. Eine Würze vom Liebstöckel. Etwas herbere Eichennoten im Hintergrund. Nüsse und Pfefferkuchen. Vanille. Leicht säuerlich, ja fast ein Anflug von Rye.

Mund: Zuerst die totale Trockenheit, richtig adstringent. Leichtes prickeln auf der Zunge. Der Alkohol ist vorzüglich eingebunden! Dann Aromen von dunkler Schokolade. Eher herb. Pflaume, Rosine. Nach dem ersten Schlag merkt man langsam die vorzügliche Haptik dieses Tropfens. Ölig bis an die Grenze zur Kaubarkeit hin. Mit etwas Wasser passieren dann ganz wundersame Sachen. Der Whisky wird süßer, ja bis zu einer richtig intensiv-dichten Marzipansüße auf der Zunge.

Herz: Zuerst sehr trocken am Gaumen, was sich später (besonders mit Wasser) zu einer ausgeprägten Süße wandelt. Dann etwas sehr überraschendes. Eine Note, die ich im Fehlen genauerer Begriffe als "medizinisch" bezeichnen würde. Aber anders als bei Laphroaig (und natürlich ohne Rauch). Am Ende bleibt nur ein See von unendlich viel Sherry.

Fazit: Wow. Der Whisky ist kein Leichtgewicht. Da passiert sehr viel. Zu meinen Erwartungen: Beide erfüllt. Oder "nicht erfüllt", wenn man es so will. Der Whisky ist wenig klebstoffig und hat keinen Schwefel. Der Sherry ist sehr markant. Wäre das ein Single Malt, würde ich sagen, dass der Whisky zu sherrylastig ist. Da ich aber weiß, dass der Grain generell nicht so viel an eigenen Aromen in die Waagschale wirft, halte ich das für ok. Der Whisky verträgt einen guten Schluck Wasser. Aber unbedingt zuerst "roh" probieren. Die Entwicklung ist atemberaubend. Doch steht am Ende eine sehr ausgeprägte Süße, besonders auf der Zunge. Für mich einen Hauch zu süß. Wenn man also auf süße Sherrybomben steht, dann ist man hier goldrichtig. Wenn man etwas mehr Charakter will, dann warten wir zwei Wochen, weil ich dann einen 12 Jahre alten Tobermory von Whic aus dem Sherryfass am Start habe. 


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