Wild Turkey 101

Lange bevor ich mit nerdiger Leidenschaft dem Scotch verfallen bin, habe ich schon Whisky getrunken. Eine Zeit lang fast ausschließlich Bourbon. Es muss mein 22. oder 23. Geburtstag gewesen sein, als ich zum Getränkemarkt gefahren bin und mir "was Feines" kaufen wollte. Es ist ein Wild Turkey 101 geworden. Und seitdem bin ich diesem Bourbon verfallen. Obwohl ich heute andere Seiten an ihm schätze, als noch vor 10 Jahren. 

Wild Turkey kommt aus Kentucky, wie es sich unbedingt für guten Bourbon gehört ;-).
Für die unter uns, die des Englischen nur wenig mächtig sind, da sei gesagt, dass Turkey zwar unser liebstes Land im kleinasiatischen Raum meinen kann. In diesem Kontext jedoch Truthähne bezeichnet. Es ist der Wilde Truthahn, nicht der Wilde Türke. Die Truthähne spielen für den Namen eine wichtige Rolle. Angeblich soll in den frühen 40er Jahren ein Schwarzbrenner seinen Whisky zur Jagd auf wilde Truthähne mitgebracht haben. Dieser soll seinen Kumpels so gut geschmeckt haben, dass sie ihn gebeten haben, doch mehr von dem "Wild Turkey Whiskey" zu besorgen. So wurde 1941 die Brennerei eröffnet. 


Die rein technischen Fakten des Whiskeys sind an sich durchaus nice. Das ganze kommt in einer anspruchsvollen Trinkstärke von 50,5% (Fassstärke liegt bei ca. 52%), ungefärbt, nicht kaltgefiltert und mit einer Altersangabe von 6-8 Jahre. Nun sind zum Alter zwei Dinge zu bemerken. Einerseits war der Whisky früher mit ganzen 8 Jahren angegeben. Er ist jünger geworden. Ich weiß nicht genau wann, aber ist so. Andererseits mag es für den typischen Scotch-Trinker kein beachtenswerten Alter sein. 6 Jahre. Wer sich aber mit dem Reifeprozess von Whisky und den klimatischen Differenzen zwischen Schottland und Kentucky auskennt, der wird merken, dass 6 Jahre in Kentucky durchaus zur Reife eines Whiskey beitragen können. 

Was unterscheidet den Wild Turkey von anderen Bourbons? Der Roggen! Die meisten Bourbons werden mit einem Maisanteil von über 90% hergestellt. Beim Wild Turkey sind es 70%. Und 20% Roggen, 10% Gerste. Der Roggen ist im amerikanischen Whiskey nicht unbekannt. Der "Rye Whiskey" wurde lange als "würziger Bruder des Bourbon" belächelt,  aber neuerdings entdecken viele Whisky-Nerds die Vorzüge dieser Spirituose. Der Roggenanteil verleiht dem Wild Turkey Tiefe, Würze und aromatische Vielfalt, an denen es anderem Bourbon oft mangelt.

Kommen wir zu den Notes. Erwartungshaltung war in diesem Fall weniger von Bedeutung, ich kannte den Whiskey ja schon. 


Auge: Tiefer Bernstein. Dünne, reichhaltige Legs am Glas.

Nase: Blumige Vanille. Buttercremetorte im Karamellbad. Anflüge von kandiertem Apfel. Mehr Vanille. Eichentöne. Dann kommt der Roggen. Pfeffer. Gewürze und Kräuter. Leichte Dillnote. Schokolade und noch mehr Vanille.

Mund: Die 50,5% kommen etwas scharf daher. Aber nicht unangenehm. Immerhin trinken wir Whiskey, da darf es etwas brennen. Manche sagen ja dieses Brennen sei das Gefühl wenn die Seele heilt. Sei's drum. Auf der Zunge trocken, würzig. Ein Hauch Bitterkeit und Zedernholz. Und, achja, Vanille. Die ist hier extrem präsent und dominant. Wir erinnern uns: Beim toasten der Fässer aus amerikanischer Weißeiche entsteht Vanillin. Diese Fässer hatten viel davon.

Herz: Angenehm, fast geschmeidig. Und von mittlerer Länge, bei hoher Intensität. Die ersten Atemzüge sind die volle Fracht von Holz und Vanille, die dann langsam Gewürznoten weichen.

Fazit: Geiler Bourbon. Machste nix. Keine Eddingaromen, kein Lösemittel oder Sekundenkleber. Unendlich viel Vanille. Der hohe Roggenanteil macht echt was her, gerade die spürbare Würze. Sehr guter Whiskey. Bleibt für mich auch 10 Jahre nach dem ersten Schluck noch immer was Feines.

Kommentare

Beliebte Posts