Broadstairs

Nach der ganzen Reihe von Whiskybesprechungen, habe ich heute für euch ein feines Pfeifenkraut bereit. Es geht um den Broadstairs von Pipe Republic*. Ein bemerkenswerter Tabak.

Fangen wir beim Hersteller an. Pipe Republic. Das ist ein relativ neuer Name in der deutschen Pfeifenwelt. Im Jahr 2018 ging der Shop ans Netz. Dabei handelt es sich um einen Zweig von Tabac Benden, die ja für ihre Cigar World bekannt sind. Ergo sitzt das Ganze in Düsseldorf.  Die Pfeifenrepublik ist mittlerweile mit eigener Hausmesse am Start und hat ebenfalls eine Serie eigener Tabake an den Markt gebracht.

Bei diesen Tabaken hat man sich nicht lumpen lassen. Gemischt wurde die Pipe Republic Serie bei Dan Pipe in Lauenburg an der Elbe. Die Range erstreckt sich von Aromaten bis hin zu klassichen, naturnahen Tabaken. Heute und nächste Woche nehmen wir zwei davon unter die Lupe. Nächste Woche den St. Peter's Flake. Heute den Broadstairs. 
Albion Street in Broadstairs

Jetzt mag man sich fragen: Haustabake von Dan Pipe, das ist nun wirklich nichts besonderes. Dan Pipe macht einfach auch viele dieser Hausmischungen. Das stimmt zwar, aber es gibt einige Details, die man im Auge behalten sollte. Beim Broadstairs liegt das Geheimnis im Orient. Und das darf man ziemlich geographisch verstehen. Doch bevor ich auf die Tabake selbst zu sprechen komme, möchte ich ein Wort zum Namen verlieren.

"Neben Margate und Ramsgate ist Broadstairs das unbekanntere Juwel Süd- Ost Englands auf der Thanet- Halbinsel." So heißt es auf der Pipe Republic Homepage. Dem wissenden Blick des Pfeifennerds wird hier direkt etwas auffallen. Alle Pipe Republic Tabake sind nach Ortschaften auf der Thanet-Halbinsel in der Graftschaft Kent benannt: Broadstairs, St. Peter's, Botany Bay, etc.

Jedoch sind die ersten beiden auf der Homepage genannten Ortschaften (Margate, Ramsgate) keine Namen für Tabake aus der PR Serie. Sondern Pfeifentabake aus der Schmiede "Esoterica Tobacciana". Esoterische Tabake? Mindest muss man schon an die Existenz dieser Tabake glauben, denn wirklich sehen wird man sie vermutlich kaum. Dabei handelt es sich um bei Germains in Kleinstmengen hergestellte Tabake für den US-Markt. 

Kommen wir aus Südengland zurück in den Orient. Denn hier wächst Tabak. Der Orienttabak. Orient ist ein Tabak mit kleinem Wuchs, aber dafür hocharomatisch. Dieser Tabak wächst eigentlich nur auf dem Balkan und ums Mittelmeer. Eigentlich. Orient war auch lange für die Zigarettenindustrie ein wichtiger Tabak, jedoch war die Produktionsmenge begrenzt. So wurde der Orient gezüchtet und veredelt, bis man ihn auch an anderer Stelle anbauen konnte. Was jedoch auch nicht wirklich stimmt, denn nur weil eine Pflanze wächst, entwickelt sie noch nicht ihr typisches Aroma. Durch Züchtung und Standort sind in vielen modernen Orientsorten kaum ätherische Öle enthalten. Bringen wir es auf den Punkt: echter Orient schmeckt anders, als nachgezüchteter Orient. Wie manifestiert sich dieser Unterschied? Normale Orienttabake sind rauchig und würzig. Der Broadstairs hat eine stark ausgeprägte Erdigkeit, die fast mordig wirkt. 

Der Broadstairs ist ein Pfeifentabak, der aus 40% Latakia, 10% Kentucky, Virginia, Orient und Perique besteht. Das Ganze kommt im "ribbon cut", also Grobschnitt. Schon das Tabakbild wirkt sehr nuanciert und facettenreich. Obwohl der Schnitt sehr gleichmäßig ist, so erkennt man beim genaueren hinsehen ein reichhaltiges Farbenspiel von mittleren Ocker bis dunklen Erdtönen. Das soll sich später auch im Geschmack niederschlagen.

Tabak kommt ab Werk recht gut konditioniert in die Dose. Griffig, aber nicht zu feucht. Nichtsdestoweniger verträgt er es, wenn man ihn nachtrocknen lässt. Er verträgt das sogar sehr gut, wird noch aromatischer. Mein Tipp: Einfach in der Dose lassen. 
Wirkt beides klassisch-britisch. Ist beides aus Deutschland.
Vauen an Broadstairs.

Beim Anzünden ist der erste Schwall das totale Latakia-Brett. Aber Obacht! Es ist ein totales Missverständnis, dass der Latakia stark oder nikotionlastig wäre. Im Gegenteil. Latakia ist ein hocharomatische Tabakspezialität, die jedoch Grunds des hohen Verarbeitungsgrades wenig Nikotion enthält. Dafür einen unheimlich aromatischen und cremigen Rauch bildet. Mich erinnert Latakia immer etwas an verbrannten Weihrauch. Oder an junges Zedernholz. 

Die zweiten Geigen spielen der Kentucky, der nach dem Latakia sein schweres, nussiges Aroma ins Spiel bringt. Die Commonwelth-Virginias geben ihre heuigen bis fruchtigen Noten dazu, ohne dabei spritzig oder hyperaktiv zu wirken. Alles ist sehr gesetzt und ruhig. 

Nach den ersten Zügen verliert der Latakia seine Dominanz und die große Stunde des Orient beginnt. Aromen zwischen Kreuzkümmel, Rauch und Erde spielen sich nach vorn. Und je öfter man den Tabak raucht, je mehr Zeit man sich nimmt ihn zu entdecken, desto mehr Geheimnisse gibt er preis. Der Orient spielt ein Duett mit dem Latakia, wo man nicht genau weiß, woher jetzt gerade welches Aroma kommt. War es gar der pfeffrige Perique? 

Vielleicht wirken die ersten Füllungen noch langweilig. Aber wenn man sich auf den Tabak eingeschossen hat, dann entdeckt man öfter Facetten und Nuancen, die ihn wirklich einzigartig machen. Dabei wirkt der Tabak auf ganzer Linie ruhig und weich, aber gleichzeitig charakterstark. Der perfekte Tabak um ein Buches von Jane Austen zu lesen. Was auf den ersten Blick auch etwas altmodisch und langweilig wirken kann, aber immer besser wird, je mehr Zeit man sich nimmt auf die Nuancen und Details zu achten.

*Review steht in keinem Zusammenhang mit dem Unternehmen. Alles ist selbst erworben und unabhängig bewertet.



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