Blogger- und Vloggertreffen auf Burg Scharfenstein Teil 2


Eine Reise zum Herz des Deutschen Whiskys, Teil 2

Enorme Euphorie eruptiert, die Menschen springen auf, als ob es 2014 ist und Götze das Finale Tor gegen Argentinien schießt. Scotchflaschen sollen aus den Fenstern geworfen werden, was prinzipiell daran scheitert, dass wir im Keller sind und es keine Fenster gibt. In tumultartigen Szenen schaffe ich es mir einen Johnny Walker Blue Label Cask Edition zu schnappen. Irgendwie muss ich erstmal an die frische Luft.

Wo bei unserer Ankunft noch zahlreiche Touristen den Auchblick genossen, bin ich jetzt alleine. Die Luft ist kühl und es dämmert. Entschleunigen. Zur Ruhe kommen. Ich will mir erstmal eine Pfeife anzünden und hole meine Rattrays Boudicca und einen Beutel Danske Club Irish Whiskey heraus. Es entbehrt sich nicht einer gewissen Ironie. Eine schottische Pfeife, in Frankreich gemacht. Dazu ein dänischer Tabak, aromatisiert mit Irischem Whiskey, baugleich mit dem Sweet Dublin, einem Klassiker. Geraucht auf einem Treffen bei einer deutschen Whiskybrennerei. Wäre es jetzt nicht viel angebrachter eine Vauen mit was von TAK zu rauchen? Der Irish Whiskey ist überwiegend mittelbrauner Virginia, mit nur etwas schwarzem Cavendish. Das Aroma ist nicht pappig-süß, wie man es von anderen Danske Clubs kennt. Nein, es ist eher heuig, ja fast säuerlich. Von Whisky riechst du da nix. Dafür ist der Tabak sehr gut konditioniert und kann direkt geraucht werden. In der Pfeife Auftakt mit malzigen Noten. Wenn er nicht zu heiß geraucht wird, dann gibt es auch keinen Zungenbrand, sondern gute Eigensüße aus den Virginias. Raucht sich unkompliziert runter. Ist es ein All-Day-Tabak? Ich weiß es nicht. Was soll das schon sein? Es ist auf jeden Fall für mich einer der besseren Danske Clubs. Vielleicht muss ich mal eine Serie von dänischem Tabak gepaart mit Stauning Whisky. Das wäre was.
Blood of Eden

Zurück im Burgkeller hat sich die Stimmung beruhig. Essen wurde serviert. Kleine Rouladen in feiner Sauce. Dazu Variationen über das Thema „Kartoffeln“. Und noch einiges mehr, was ich in der kürze der Zeit nicht habe probieren können. Aber bisschen muss sein. Immerhin muss ich meinen Magen impfen, gleich werden noch einige Malts verkostet.

Nach dem Essen rupfe ich die Flasche Blue Label auf. Quasi-Fassstärke mit 55,8%. Extrem edle Aufmachung. Nobel geht die Welt zu Grunde. Na dann, Slainte!

Auge: Dunkler als der normale Blue Label, mit rötlichem Einstich. Fast Kupfergold.
Nase: Honig und Eiche. Vanille und Karamell. Kein Rauch.
Mund: Cremig und Ölig. Leichte Frucht. Viel schmelzender Toffee. Alkohol top eingebunden.
Herz: Lang, kräftig, würzig, nussig.

Weiter ging es mit einem Benrinnes von Anam na H-alba mit 52,4%. Der hat uns alle auf’s Glatteis geführt. Ich dachte an hellen Sherry. Eine Bloggerin meinte Sauternes. Ein anderer Blogger meine Weißwein. Aber: ein Lupenreines Bourbonfass!

Auge: Helles Gold.
Nase: Extrem Fruchtig. Gelbe bis dunkle Frucht.
Mund: Ausgewogen, angenehm.
Herz: Mittellang und fruchtig.

Und bevor ich mich den rauchigeren Gesellen dieser Runde zuwende, muss einmal die SMWS ran. Mit der 30.106 haben wir einen 21 Jahre alten Glenrothes mit brutalen 57,1% aus dem secondfill PX-Fass. Aber was für ein Fass!

Auge: Fast rötlich kommt der Whisky daher. Sehr cremig und ölig am Glas.
Nase: Sherry. Sherry. Schokolade und Sherry. Ein Beutel Datteln mit Feigen und Pflaumen. Geil.
Mund. Elegant aber kraftvoll. Sehr lecker.
Herz: Unendlich langer Abgang, noch am nächsten Morgen in der Nase.

Was für eine Wucht. Was für ein Abend. Die Gespräche schweifen von hier nach da. Es ist ausgelassen. Es wird Whisky getrunken. Die Engel tanzen. Und der Chef und Burgherr entpuppt sich sogar als Pfeifenraucher. Ich fühle mich dem Himmel so nahe, wie selten in meinem Leben. Also rauche ich mit dem Chef eine Pfeife an der Bar. Er bietet mir seinen Tabak an. „Etwas aus Berlin. Sehr fruchtig.“ Ich tippe auf Bellini Torino oder einen anderen Kirsch/ Rotwein/ etc. Aromaten von Planta.

Aber für tieferes sinnieren bleibt keine Zeit, denn die Achterbahn nimmt die nächste Kurve. Diesmal mit einem Laphroaig 18 von den Berry Brothers mit 52%.

Auge: Hellgelber, französischer Ocker.
Nase: Kräftiger Rauch, aber ohne den Punch einer 10yo oder QC. Eher elegant. Dazu Frucht. Reife Banane.
Mund: Angenehm, cremig, Texturreich. Ein Hauf Pfeffer.
Herz: Lang, schwelend, himmlisch.

Wir schalten noch einen Gang höher. Vor allem, was den Alkohol angeht. Denn als nächstes kommt der Andromeda VI ins Glas. Ein 9jähriger Ardmore aus dem Amaronefass mit 59,4 %.

Auge: Heller Pinot Noir, fast Rosé.
Nase: BBQ, Chipsfrisch Ungarisch, Currywurst. Viel Rauch hinter roter Frucht.
Mund: Süßlich, Kräftig, trockener werdend. Mentholische Jugend kommt durch. Aber angenehm. Fett und Speckig.
Herz: Langer, würzier Rauch.

Kurz bevor uns der Bus für die Rückfahrt zum Hotel abholt, gönne ich mir den letzten Dram des Abends. Dabei wird auch die mystische 60 gerissen, durch den Bunnahabhain „Lost Valley“ von Signatory, exklusiv abgefüllt für einen befreundeten Blogger, der auch klasse Musik macht. Der reifte 6 Jahre im ex-Bourbonfass und wurde mit 60,7% abgefüllt.

Auge: Heller Honig.
Nase: Brachiale Rauchigkeit. Jung, wild, ungestüm. Wellen und Gischt. Geil.
Mund: Angenehme, dezente Süße. Kantig, wuchtig, rauchig.
Herz: Eher kurz mit noch mehr Rauch.

Ein Uhr Nachts. Ich trete nach draußen. Die Nacht ist lau und ruhig. Und wo im Licht gerade noch die Engel tanzten, wartete in der Dunkelheit etwas auf mich. Ist es mein Anwalt, dessen leise Stimme in meinem Kopf spukt? Wie eine Zecke im Nacken, die sich von meinem alkoholdurchsetztem Blut ernährt und mich mit ihrem Gift vollpumpt. Was war nun besser? Schottland? Deutschland? Kann der Deutsche Whisky überhaupt was? Gibt es überhaupt Deutschen Whisky? Oder ist das alles nur schottischer Whisky in Deutschen Kleidern? Sind wir Deutschen überhaupt in der Lage die Kunst des Lebenswassers zu verstehen?

Der Halbmond steht über der Burg, als wir im Bus auf dem Heimweg sind. Einige Blogger versuchen per Taxizentrale noch an eine Kiste Bier zu kommen, obwohl wir alle noch beladen mit höchstprozentigen Spirituosen sind. Und ich weiß nicht, ob sich die Welt dreht oder ich, aber ich vermute, dass es Zeit wird mich zur Ruhe zu legen. Whisky ist das Getränk der Götter, trinkt man davon zu viel, dann bestrafen sie einen.

Der Wecker geht viel zu früh und reißt mich aus dem Koma. Im ersten Moment bin ich orientierungslos. Ich stehe auf, meine Beine halten mich. Das ist gut. Auf dem Tisch gegenüber vom Bett steht eine Flasche Sprudel, die ich hastig leere. Langsam kommt das Bewusstsein zurück. Ich bin im Hotel Drei Rosen. Gestern war Bloggertreffen. Einatmen, ausatmen. Mein Anwalt ist weg, dieser garstige Mephistopheles. Nur eine Nachricht hat er auf den Spiegel über den Tisch geschrieben, da steht nun:

Wie hältst du es mit Deutschem Whisky?
- Gretchen

Diese Frage löst im ersten Moment Stille in mir aus. Zu viele Gedanken sind in meinem Kopf, deren Stimmgewirr unhörbar wird. Ich muss mich sammeln. Meine Gedanken kanalisieren. Ein Filter finden, durch den ich die Komplexität der Realität reduzieren kann. Einige Gedanken kristallisieren sich heraus. Der Deutsche wird Deutschen Whisky nicht mögen, weil er aus Deutschland ist. Aber warum? Es trifft ja nicht nur auf Whisky zu. Wir Deutschen lieben Autos. Aber unseren BMWs geben wir selbst den Ruf als „Türkenschleudern“. Wir lieben Fußball. Aber unser erfolgreichster Verein wird ebenso am meisten gehasst. Wir lieben Bier, aber die Großhersteller machen Industrtieplörre. Und die kleinen Brauereien, zum Beispiel im Osten, haben einen noch mieseren Ruf. Wie will man all diese Ambivalenzen verdauen?


Ein geiler Anfang wäre Frühstück. Frühstück. Achja, da war doch was. Da wollte ich noch ein besonderes Auge drauf werfen. Aber erstmal duschen. Kalt. Im Badezimmer steht ein leeres Nosingglas einsam neben dem Waschbecken. Ich schaue es an, wie einen schwarzen Abgrund und es schaut in mich hinein. Ein Prozess beginnt hier, dessen Ende ich noch nicht abschätzen kann.

Dann ab in den Speisesaal. Und was soll ich sagen. Es gibt Kaffee. Damit bin ich zufrieden. Rührei. Kleine Frikos. Bockwurst. Weichkäse. Brötchen. Brot. Diverse Brotaufstriche süßer Natur. Saft. Meine Fresse, was will man mehr?

Gegen 10 Uhr mache ich mich auf den Rückweg. An einer Tankstelle lasse ich den Trabbi volllaufen. Der sonntägliche Himmel ist klar. Ich setze meine Sonnenbrille auf. Auf der Autobahn hört man in unregelmäßigen Abständen vereinzelt Autos. In den Rapsfeldern zirpen die Grillen.  Und dann kommt mir dieser eine Gedanke:

Deutscher Whisky – Kann uns dieses Getränk einen?

Der V8 macht ordentlich Lärm, als ich das Gaspedal durchtrete. Die Autobahn lässt Höchstgeschwindigkeit zu. Der Tunnel der Deutschen Einheit ist nicht weit.

-Ende-

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