Blogger- und Vloggertreffen auf Burg Scharfenstein Teil 1


Eine Reise zum Herz des Deutschen Whiskys, Teil 1


Der so sich zum Blogger macht, befreit sich von dem Leid, die Wahrheit schreiben zu müssen.
- Dr. Strangemalt
Wenn bei der Ankunft der Malt schon halb leer ist...


Was ist eigentlich Deutscher Whisky? Whisky aus Deutschland? Whisky, der besonders Deutsch schmeckt? Kann man in Deutschland überhaupt Whisky machen? Fragen…

Wir sind irgendwo in der Gegend von Dramfeld, am Rande der ehemaligen Deutsch-Deutschen-Grenze, als mein Anwalt die erste Fassstärke öffnet. Ich höre nicht viel. Der Motor ist viel zu laut. Und der Wind bläst uns um die Ohren. Er schreit mir ins Ohr, als mein Anwalt rate er mir meinen Magen zu impfen. Wir bekämen später größere Mengen Deutschen Whisky. Vielleicht mit Gewalt eingetrichtert. Wer weiß, was da passieren könne. Man verliere ein Auge oder so…

Ich funkle meinen Anwalt böse an, er ist doch der Grund, warum wir überhaupt hier sind. Dabei drücke ich das Gaspedal bis Anschlag. Ich könne jetzt nicht trinken. Ich müsse heute noch Tastingnotes schreiben, dann schmecke ich nichts mehr, bei der Fassstärke da! Außerdem ballern wir gerade mit knapp 200 Sachen die Autobahn runter. In einem aufgemotzten Trabbi. Ohne Verdeck. Irgendein Bastard hat dem armen Ding einen generalüberholten V8 aus einem schottischen Argyll Turbo GT eingebaut. Endstufe des Wahnsinns. Im ambivalentesten Sinne des Wortes.

Typisch Deutsch?
Es war vor einigen Wochen. Ich saß auf meinem Balkon und rauchte Virginia-Tabak mit einer Latakia-Zugabe. Aus dem Radio sangen Moriarty zu mir: And when the devil sets me free/ Long live the devil. Da rief mein Anwalt mich an. Er habe uns für ein Blogger-Event angemeldet. Über 30 Deutsche Whiskyblogger und –vlogger sollen sich am 18.Mai bei der Nine Springs Destille & der Whiskywelt Burg Scharfenstein treffen um dem Mysterium des Deutschen Whiskys auf den Grund zu gehen. Puh. Harter Tobac. Da bin ich doch am Start! And when the devil sets me free/ Long live the devil.

Also sind wir jetzt hier. Das Radio des Trabbis ist mit einem zusätzlichen Ultra-Verstärker aufgemotzt, um überhaupt gegen den absurden Lärm des Motors anzukommen. Jetzt raunt Til Lindeman uns zu: Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben. Was meinen Anwalt völlig aus dem Konzept reißt, was für ein Hurensohn dieser Lindemann doch wäre. Ich zucke mit den Schultern. Als Ausländer ist man da eh immer bisschen außen vor.

Wir fahren durch den Tunnel der Deutschen Einheit, als ich einen befreundeten Blogger in seinem Audi überhole. Seine Frau fährt und er drehte auf dem Rücksitz Whiskyporn, indem er an einer Flasche der SMWS nuckelte. Zu dem Treffen sollte jeder Blogger Whisky und Samples nach Wahl mitbringen. Nachforschungen ergaben: Wir haben eine Flasche Kavalan, einen Mackmyrra, fünf Anam na H-alba, ein ganzes Spektrum vielfarbiger Fassfinish-Samples, einen Liter extrastarken Johnny Walker Blue Label und zwei Kisten unzähliger unabhängiger Abfüller. Nicht, dass wir das alles für unser Treffen brauchen, aber wenn man sich erstmal vorgenommen hat Whiskyblogger zu werden, dann neigt man dazu extrem zu werden.

Einige Ausfahrten und Einbahnstraßen  später sind wir an unserem Hotel „Drei Rosen“. Sechzig Betten. Eiche rustikal. Beliebt bei Bikern. Eine humanoide Fleischwurst hatte sich im Netz über das magere Frühstücksbuffet beschwert. Davon werde ich mir aber selbst ein Bild machen. Wer hier eine 235 Meilen Fressorgie wie im Adlon Berlin erwartet, der hat wohl zu viel vom Gin genascht. Der macht ja bekanntlich das Hirn weich.  Wir checken ein. Wie immer. Freies Frühstück, finale Weisheit.
Im Whiskyjargon würde man sagen: Hidden Gem

Tastingnotes Hotel Drei Rosen

Auge: Eiche rustikal mit Biker-Reflexen
Nase: Sauber, Frisch.
Haptik: Betten sind nice. Sehr ruhig.
Herz: Wird hier schnell warm.

Auf dem Weg zum Zimmer kommen wir an der Außenterrasse vorbei. Da sitzen sie schon. Die Vlogger. Und drehen ihre Videos. Vor ihnen eine Flasche Glendronach 15 Tawny Port. Alle bewerten den Whisky mit 7,23/10 Punkten. Zwei andere Blogger rennen mit diversen Kisten Bier durch das Hotel. Der Durst kommt einem hoch. Mein Anwalt also direkt hinterher. Gutes, Deutsches Bier.
Ich verstaue mein Gepäck und gehe zurück zur Terrasse. Die Vlogger verkosten schon wieder den Glendronach 15 Tawny Port. Aber diesmal fallen die Bewertungen deutlich besser aus. Als der Dreh abgeschlossen ist, habe ich urplötzlich ein Glas Glenrothes 21 von der SMWS in der Hand. Die Vlogger auch. Sie hätten beim ersten Video den Ton nicht angemacht, erklären sie mir auf Nachfrage. Der Whisky ist lecker. Plötzlich klingelt mein Handy. Mein Anwalt sei in eine Brauerei eingestiegen, aber da sei alles leer! Nur Leergut!

Dieser Idiot. Es gibt hier nur eine Brauerei. Und die sollen wir gleich besichtigen. Weil
Rohbrand wird hier gemacht. 
dort auch der Whisky gemacht wird. Wie es in Deutschland sein sollte. Bier zu Whisky. Nicht Obst zu Whisky.
Auf dem Weg zur Brauerei fällt mir erstmals die Landschaft auf. Sanfte Hügel, der Raps steht in voller Blüte. Idyll. Wenn man über längere Zeit im Ruhrgebiet lebt, dass neigt man zu vergessen, dass Deutschland auch wirklich schön sein kann.

An der Brauerei erwarten mich schon knapp zwischen zwei und drei Dutzend durstige Whiskynerds. Spontane Anspannung. Was mache ich jetzt? Wo ist mein Anwalt? Dann rumpelt der hohe Zaun zum Brauereihof. Handeln ist angesagt. Für Ablenkung sorgen. Also rufe ich laut:
„Ich bin da, es kann losgehen!“

Vereinzelte Lacher. Nicht mein bester Spruch, aber effektiv, denn niemand bemerkt, wie mein Anwalt aus drei Metern auf den Asphalt matscht.

Erkenntnisse über Brauereibesichtigungen sind schwierig zu gewinnen. Zu viel Scheißdreck wird darüber verzapft. Und ich traue mich kaum zu erwähnen, dass ich bis zu diesem Treffen noch nie in einer Brauerei war. Ich bin quasi dabei meine Brauereijungfräulichkeit zu verlieren. Darf ich das in Deutschland überhaupt sagen? Ebenso bin ich noch nie in einer Destille gewesen. Manche behaupten ja, man könne Whisky per se nicht verstehen, wenn man die Destillen, besonders die Schottischen, nicht kenne.
Just like heaven

Tastingnotes zur Neunspring Brauerei/ Nine Springs Destille

Auge: Idyllisch gelegen am Ortsrand von Wobris. Kein Industriekomplex. Klein. Herzlich. Besonderes Highlight xxxxxxxxxxxxxxxxZensiertxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx.
Nase: Raum 1 - Maischraum. Eigenartig. Getreide? Raum 2 - Brennblase. Neutral. Raum 3 - Abfüllanlage. Der Geruch am Morgen nach einer langen Nacht voll köstlichem Pilsbier und Darts. Aber geil. Raum 4 - Maischbecken. Islay. Torf. Weil gerade Whiskymalz für einen Peated bearbeitet wird. Geiler Geruch! Raum 5 - Fasslager. Sweet Jesus of Bloody Nosegasms. Dieser Geruch. New Make. Sherry. Bourbon. Alles gemischt. So muss der Himmel riechen.
Herz: Macht gerade im Fasslager Sprünge.
Senpaaiii (◠﹏◠✿)

Mein Anwalt wischt mir den Geifer vom Mundrand und stellt absolut rational fest, dass wir bisher noch keinen einzigen Tropfen Alkohol hatten. Also in der Brauerei. Und was ich davon halte, wenn wir völlig obszön aus den Fässern saufen würden. Ich frage ihn, ob er heimlich Laminat geraucht  habe. Wir können ja nicht einfach die Fässer öffnen. Der Whisky schlafe doch!

Meine Stimme muss lauter gewesen sein, als ich es mir eingestehen mag. Denn der Chef der ganzen Kiste hier schaut mich gelassen an und sagt, wenn wir wollen würden…

Eine Sekunde ist es wie ein Mexican-Stand-Off. Er schaut mich an. Ich schaue ihn an. Die Zeit dehnt sich bis ins unendliche. Ein Schweißtropfen läuft wie ein Steppenroller meine Stirn hinab. Dann schlägt der Sekundenzeiger um und ich schwöre bei Gott, als ich losgesprinte hört man ein zischendes „zooooom“. Vielleicht kann man es auch als Soundeffekt über mir lesen.

Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?
Dann stecke ich meine Nase tief ins Fass. Sherry. Ob meine Zunge lang genug wäre? Nur ein Tröpfchen. Aber was wäre, wenn mich jemand antippen würde. Wenn gar der Chef käme und mit Häme fräge, ob ich da versuche aus seinem Fass zu saufen. Ich könnte mich für die nächsten zwei oder drei Stunden nicht blicken lassen. Aber würde es so kommen? Wären die Leute hier nicht eher so, dass sie sagen würden, dass das gar nicht schlimm sei. Dass man es sogar verstehen könne. Aber, hey, gleich auf der Burg gäbe es ja genug Whisky.  Also atme ich den süß-würzigen Duft nur ein. Und aus. Und wieder ein. Lieber ein, als aus.

Kurze Zeit später fährt uns ein Bus die Serpentinen zur Whiskywelt Burg Scharfenstein hinauf. Es hat was von Klassenfahrt. Nur, dass jeder weiß, dass unsere Rucksäcke zum bärsten voll mit Alkohol sind. Wobei es die Lehrer damals vermutlich auch wussten. Der tatsächliche Unterschied ist: Hier ist es nicht verboten. Es wird von uns erwartet.

Die geballte Whisky-Kompetenz
Dann setze ich meinen Fuß in den staubigen Schotter vor der Whiskywelt. Erhaben liegt das alte Gemäuer vor uns. Nur ein Burgturm durchschneidet das Bild, wie ein salziger Schlag. Was ist das? Feinster Brutalismus? Der Chef, ebenfalls Burgherr in Personalunion, erklärt, dass eine Architektin meinte, die Burg sei ja in dem Sinne nie „fertig gestellt“ worden und über diverse Epochen hinweg ständig erneuert. So müsse auch die Moderne ihren Tribut zollen. Die Burg sei ja sowieso komplett saniert worden, so der Chef. Innen gäbe es jetzt Fenster, da könne der Teufel persönlich mit seinem Höllenfeuer kommen... Alles nur wegen der Brennblase.

Und für wahr. Die Brennblase steht hinter einem Fenster, dass offensichtlich dafür gemacht wurde Vulkanausbrüche einzudämmen. Dennoch kann man durchsehen. Sehr gut sogar. Es ist ein gutes Fenster. Und davor? Die Brennblase für den Feinbrand. Unten in der Brauerei werde nur der Rohbrand gemacht. Und so sieht sie auch aus. Die Brennblase. Kupferne Schönheit. Zauberin des Lebenswassers. Wie in Schottland. Nur etwas kleiner. 
So schön!

Und ich weiß schon beim Anblick, dass sich alle Unkenrufer nach dem Motto: „Deutscher Whisky sei Obstler“ in die Löcher verkriechen können, aus denen sie gekommen sind. Denn hier in Leinefelde-Wobris, da weiß man wie der Hase läuft. Die haben noch nie Obstler gemacht. Zuerst Bier, dann Whisky. Es ist doch ein Gebot der Logik, dass in einem Bierland, was Deutschland ja ist, irgendwo guter Whisky gemacht werden muss.

Langsam baut sich eine Aura auf. Ein kollektives Heureka. Wir sind nicht im gelobten Land aller Scotchtrinker. Das hier ist unser gelobtes Land. Und nachdem wir im Burgkeller unseren ersten Durst mit köstlichen Neunspringer Pilsbieren löschen konnen, wird ganz groß aufgetischt.

Auftakt mit dem „1867er“. Benannt nach dem Gründungsjahr der Neunspringer Brauerei.
Rohstoff
Richtiges Brett mit 52,9%. Marsala-Finish.

Auge: Sattes Bernsteingold. Sehr ölig am Glass
Nase: Kaum Fruchtig. Stattdessen Kaffee, Schokolade, Karamell. Leicht nussig.
Mund: Trocken, würzig, fein ölig.
Herz: Zimt und Malz.

Edel, meine Freunde, extremst edel. Sofort wird nachgelegt. Sportliches Tempo. Jetzt ein peated Nine Springs. Das getorfte Malz kommt von Islay. Gereift ist der Stoff in deutscher Eiche, sechs Monate Oloroso Finish. Wo steht eigentlich mein Trabbi? Egal. Meine Fresse ist der Whisky gut.

Auge: Helles Gold, eher neutral am Glas.
Nase: Junger Stinker. Keine brennenden Autoreifen, wie man es von einigen deutschen Peats kennt. Sondern richtig gutes Aroma.
Mund: Kräftig, kantig. Trocken.
Herz: Peat, Peat, Peat. Sehr stark.

Auratisch
Und jetzt „Finish Him“ – der Whisky, der extra für unser Treffen abgefüllt wurde. Single Cask, 6 Jahre im Bordeaux-Fass. 52,5%.

Auge: Deutlicher Rotweineinfluss. Im Halbdunkel des Keller schon fast dunkelrot.
Nase: Typische Bordeaux-Nase mit Kirschen und Gewürzen. Dahinter Malz.
Mund: Trocken, fast
adstringierend. Dann süßer werdend. Fruchtbetont.
Herz: Langes Finish mit roten Früchten.

Was danach passiert, das sprengt aber die menschliche Vorstellungskraft…

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